Being Trump

Kino Martin McDonaghs „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist ein seltsamer, bodenloser Film

Am Ende ist sich keiner mehr sicher. Da sitzen die Hauptfigur Mildred Hayes (Frances McDormand) und der allmählich zur zweiten Hauptfigur gewordene gefeuerte Polizist Jason Dixon (Sam Rockwell) im Auto und bestätigen sich das: Beide sind sie sich nicht sicher, ob das, was sie da gemeinsam vorhaben, eine gute oder richtige oder schlechte oder falsche oder sittliche oder amoralische Sache ist. Die Entscheidung wird vertagt – gewissermaßen in den Abspann hinein. Mit dieser letzten Einstellung geht ein Film zu Ende, der zwei Stunden lang damit befasst war, einen umfassenden Zustand des Zweifels herzustellen und uns, dem Publikum, zu servieren.

Am Anfang waren sich alle noch sicher über das, was sie taten, und darüber, dass es das Richtige sei. Alle, das sind die Bewohner der Kleinstadt Ebbing in Missouri; allen voran Mildred, die zu Beginn mit zielsicherem Westernschritt in eine heruntergekommene Werbeagentur hineinstürmt, um dort mit einem Dollarknäuel drei gigantische Reklametafeln am Ortseingang zu mieten – für ein ganzes Jahr.

Schwarz auf blutrotem Hintergrund ist auf diesen titelgebenden drei Billboards bald Folgendes zu lesen: „Vergewaltigt während des Sterbens / Noch immer keine Verhaftung / Wie kann das sein, Polizeichef Willoughby?“ Und auch wenn jeder im Ort die Trauer und die Wut einer Mutter nachvollziehen kann, deren Tochter vergewaltigt und ermordet worden ist, bekommt Mildred von ihren Mitbürgern wenig Zuspruch für diese Aktion. Sie will dadurch die örtlichen Behörden zwingen, die Ermittlungen im schon Monate zurückliegenden Fall der toten Tochter weiterzutreiben und den Täter zu finden – anstatt nur die Füße auf den Tisch zu legen, was niemand besser beherrscht als Woody Harrelson, der den derart angeprangerten Polizeichef Willoughby spielt.

Willoughby hat Krebs und nicht mehr lange zu leben – und nun bekommt er auf seine letzten Tagen einen vor den Latz geknallt. Auch der Polizeichef ist sich ziemlich sicher über das, was er tut, wenn er bald eine ganze Reihe von Abschiedsbriefen kuvertiert und sich dann – die Kinder noch ein letztes Mal ins Bett gebracht, die Ehefrau noch mal geknutscht – im Pferdestall die Kugel gibt.

Sitcom im Drama

Beinahe alles, was in den ersten zwei Dritteln von Three Billboards Outside Ebbing, Missouri geschieht, geschieht mit einer manischen Entschlossenheit. Auf die Spitze wird diese getrieben, wenn der für seine rassistischen Gewaltübergriffe bekannte Polizist Dixon einmal den Agenten, der die Werbetafeln vermietet und den er für den Tod Willoughbys verantwortlich macht, verdrischt und aus dem Fenster schmeißt – in einer völlig überhitzten, blutrauschigen Plansequenz, als würde sich der Film selbst für einen Moment nicht mehr im Zaum halten können und cholerisch in Wut ausbrechen.

Three Billboards ist ein seltsamer Film. Anders lässt sich das erst einmal nicht sagen. In erster Linie wohl deshalb, weil er über keine innere Kontrolle verfügt – oder wenn doch, dann im Sinne der kontrollierten Sprengung seiner einzelnen Momente. Dass das aber so leicht gar nicht zu entscheiden ist, ist wiederum der springende Punkt seiner Seltsamkeit.

So gibt es etwa keinen auf den Punkt zu bringenden Tonfall, den dieser Film durchhalten würde. Besonders augenfällig wird das beispielsweise, als Mildreds Ex-Mann Charlie (John Hawkes) der Kragen platzt, er sie würgend an den Türrahmen presst, voller Zorn über die ungewöhnliche PR-Aktion, die die Tochter ja auch nicht zurückbringt, während seine neue und mit allen Mitteln der Inszenierungskunst als Dummheit in Person dargestellte Freundin den Raum betritt und nach der Toilette fragt. Hier stolpert die Sitcom ins Drama um häusliche Gewalt. Hier springt der Tonfall aus der Fassung – zum denkbar weitestentfernten Register. Eine im wahrsten Sinne seltsame Szene.

Über den Backlash, der im Moment – und das heißt: mitten in der Oscar-Saison – auf Three Billboards einhagelt, darf sich Regisseur Martin McDonagh angesichts solcher Szenen nicht wundern. Vermutlich wundert er sich auch gar nicht und der Backlash war Teil der Rechnung. Der Sexismus dieser Szene – die Art, wie das Dummerchen mit der schwachen Blase hier die Szene crasht – liegt so deutlich auf der Hand, dass er einen auch in weniger hellhörigen Zeiten als den jetzigen vor den Kopf gestoßen hätte.

Ein anderer großer, weit verbreiteter Kritikpunkt ist der fahrige Umgang des Films mit institutionellem Rassismus. Dixons vergangene Foltervergehen an Menschen of color werden zwar permanent in den Raum gestellt, bleiben ansonsten aber völlig unthematisiert. Stattdessen gönnt McDonagh, der auch das Drehbuch schrieb, dem hassenden Schlägercop am Ende eine moralische, ja, gottgegebene Läuterung.

Ohne Frage ist Three Billboards angesichts etwa dieser Entwicklung ein perverser Film; die Frage müsste aber sein, wie er sich zu einer kolossalen Perversität verhält, die ihm schließlich nicht einfach so rausrutscht. Und der Konjunktiv ist unumgänglich. Denn perverser noch als die Art und Weise, wie Three Billboards Frauen, Rassisten und Schwarze inszeniert, ist die Art und Weise, wie er die Frage an sein Selbstverständnis im Konjunktiv gefangen hält.

Denn hier kommt die Grundbewegung des Films wieder ins Spiel: die Bewegung vom Festentschlossenen hin zur allumfassenden Unsicherheit, mit der uns McDonagh in den Abspann schickt. Am Ende hat der Zweifel gewonnen. Das Personal des Films weiß nicht mehr, was es da eigentlich tut, und wir wissen nicht mehr, wie uns geschieht. Entzogen wird der Boden, auf dem sich moralisch urteilen lässt. Anders gesagt: Was Three Billboards uns, den Zuschauern, wegnimmt, ist die liberale Position, die wir aus dem Kino eigentlich gewohnt sind.

Selbstverständlich blicken wir, wenn wir diesen Film sehen, mitten hinein ins Trump-Amerika. Wir blicken in die Kleinstadt im Mittleren Westen, hinein in die Strukturen des örtlichen Lebens. Was wir sehen, sind Diskriminierung, Rassismus, Sexismus, Hass, Unversöhnlichkeit. Darüber hinaus – und das ist noch beängstigender – sehen wir aber auch einen Film, der keinen Tonfall durchhält, der die Kontrolle über sich selbst verliert, der um sich drischt, der antritt, um in der Folge alles, was gerade als moralisch sicher galt, zu zerhauen, und der stellenweise sogar in die Sitcom abdriftet – oder, das könnte man genauso gut sagen: ins Reality-TV.

Wäre dieser Film also ein Gehirn, man könnte sich vorstellen, nach welchem Modell es geschaffen wäre. Three Billboards ist der vielleicht abgründigste Film über den Trumpismus bisher. Gerade weil er keine liberale Gegenrede parat hat. Entweder ist dieser Film also ein zynisches Pamphlet, das noch viel gravierendere Vorwürfe auf sich ziehen müsste als die, die ihm bisher gemacht wurden. Oder er ist tatsächlich eine blitzintelligente Offenlegung über den prekären Status der Moral im Hier und Jetzt. Zu entscheiden ist das nicht. Im Zweifel für den Zweifel.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri Martin McDonagh GB/USA 2017, 115 Minuten

06:00 28.01.2018

Kommentare 10