Große Freiheit

Kino Reden übers Leben, im Traum, am Strand: Hong Sangsoos „On the Beach at Night Alone“ ist nur an der Oberfläche schlicht

Bei Kaffee und Zigaretten an einer Hamburger Imbissbude unterhalten sich Younghee und Jeeyoung über die Vorzüge der Stadt – leckere Würste, schöne Parks. Die um einige Jahre ältere Jeeyoung (Seo Younghwa) ist nach dem Ende ihrer zehnjährigen Ehe vor vielen Jahren schon nach Deutschland gezogen; die jüngere Younghee (Kim Min-hee), eine Schauspielerin, hat gerade die Affäre mit einem verheirateten Regisseur beendet und Seoul geradezu fluchtartig verlassen. Jeeyoung erzählt, dass „diese Stadt“ (von Hamburg ist nie ausgesprochen die Rede) als die lebenswerteste ausgewählt wurde, später überlegt Younghee, ob sie nicht vielleicht auch herziehen soll.

Während die beiden Freundinnen den grauen, kalten Wintertag miteinander verbringen, kreisen ihre Gespräche immer wieder um die Frage, wie sie leben wollen beziehungsweise wie sie zu leben vermögen: allein? In einer Beziehung? Leidenschaftlich oder leidenschaftslos? Younghee, die im Nachwirken der Trennung eine für Männer wie Frauen anziehende Aura von Traurigkeit mit sich herumträgt, erklärt, sie wolle einfach nach ihren eigenen Wünschen leben: „Stark sein und, egal, was passiert, leben, wie ich möchte.“

Dopplungen, Spiegelungen

Zwischen Spaziergängen und dem etwas verlegenen Essen in der Wohnung eines Paars, das im Kunstbetrieb tätig ist, kommen Younghee und Jeeyoung auch an dem antiquarischen Buchladen eines krebskranken Komponisten vorbei. Über das Heft mit Kinderliedern, das Younghee ihm für fünf Euro abkauft, sagt er, die Stücke seien sehr einfach – „aber wenn man tiefer vordringt, sind sie komplizierter“.

Eine Beschreibung, die auch auf On the Beach at Night Alone zutrifft – wie eigentlich auf alle Filme von Hong Sang-soo. Der Regisseur Rudolf Thome, der Hongs Filme liebt, hat in einem Text zu Right Now, Wrong Then (2015) seine Erfahrung einmal so beschrieben: „Ich bin ... in eine Dimension jenseits von Kino abgerutscht, jenseits dessen, was passiert, wenn man normalerweise einen Film sieht.“

Seit seinem Debut The Day a Pig Fell into the Well (1996) macht der 1960 geborene Regisseur Filme, die an der Erzähloberfläche entwaffnend simpel sind. Zum Beispiel kommt A in die Stadt, trifft durch Zufall B, man geht zusammen etwas essen und trinken, zu zweit oder mit C, D und E oder auch F. Der Liebe und dem Begehren, die mal mehr, mal weniger explizit herumschwirren, stehen meist der (männliche) Narzissmus im Weg; so kommt es zu ständigen Kommunikationsverfehlungen und – nicht zuletzt durch Unmengen von Soju – zu anfallartigen Ausbrüchen von Wut, Aggression, Zuwendung und Selbstmitleid. So oder so ähnlich. Tatsächlich wiederholen und variieren Hongs Filme die immer gleichen Motive: Figuren wie Regisseure und Schauspielerinnen, anonyme Straßen, Cafés und Bars, Besäufnisse, Entgleisungen, Momente der Euphorie und Momente der Niedergeschlagenheit, Abschiede.

Dabei ist jeder Film für sich ein vielschichtiges architektonisches Gebilde aus Doppelungen, Spiegelungen, Wiederholungen und Neuanordnungen. In Virgin Stripped Bare by Her Bachelors (2000) wird eine Liebesgeschichte einmal aus der männlichen, einmal aus der weiblichen Perspektive erzählt, in Tale of Cinema (2005) faltet sich die Doppelung in die Geschichte selbst hinein – als Film-im-Film-Erzählung.

Right Now, Wrong Then wiederum stellt zwei Möglichkeiten einer Begegnung vor, mit mal leichten, mal stärkeren Variationen der Szenenfolge, der Bildauflösung, des Dialogs, der Gesten, Blicke und der Tonalität – und des Wetters. Natürlich muss man nicht den vorherigen Film gesehen haben, um am je aktuellen Freude zu haben, aber im Seriellen entfalten Hongs Filme noch mal eine ganz andere Dimension.

Spiegelungen, Dopplungen

Ebenso wenig muss man zum Verständnis von On the Beach at Night Alone den Gossip über die Affäre Hong Sang-soos mit der Schauspielerin Kim Min-hee kennen, die in Korea einen Skandal auslöste (bis zum Jahr 2015 galt Ehebruch dort noch als Straftat). Trotzdem ist es interessant, wie Hong diese Geschichte filmisch aufarbeitet und perspektiviert. Anstatt wie gewohnt eine männliche Figur in den Mittelpunkt zu stellen, gehört der Film ganz Younghee und ihren komplexen Empfindungen.

On the Beach at Night Alone besteht aus zwei Teilen. Nachdem Younghee am Elbstrand von einem nicht näher bezeichneten Mann, der sich schon im Stadtpark verhaltensauffällig benommen hat, buchstäblich aus dem Hamburg-Teil hinausgetragen wird – im zweiten Teil sieht man ihn manisch ein Hotelfenster putzen –, geht der Film wie von Neuem los, samt der mit Schuberts elegischem Adagio unterlegten Titelsequenz. In der Stadt Gangneung, von der es bald heißt, sie sei die schönste Stadt in Korea, trifft Younghee im Kino zufällig einen alten Bekannten.

In einem Café gibt dieser den Staffelstab zeitweilig an einen anderen ab, bis man in größerer Runde zusammensitzt und trinkt. Zwischen Banalitäten und existenziellen Themen – der Liebe, dem Leben und dem Sterben – kommen die Worte irgendwann vom rechten Weg ab, treten auf der Stelle und schlagen Kapriolen. Younghee wird ausfällig, keiner sei berechtigt, geliebt zu werden! – „Man braucht eine Berechtigung?“ Beim folgenden Trinkgelage ist es der besagte ältere Regisseur, der über den Schmerz und die Reue ins Heulen kommt. Dass die Szene in einem Traum stattfindet, der von Younghee an einem einsamen Strand geträumt wird, macht sie nicht weniger bedeutsam für die Wirklichkeit – und für eine Annäherung an ein Leben, das zu leben es wert ist.

On the Beach at Night Alone Hong Sang-soo Südkorea/Deutschland 2017, 101 Minuten

06:00 30.01.2018

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