Kreuz und queer

Roman Kann Literatur schwul sein, und bedeutet das was? Über Garth Greenwells „Was zu dir gehört“
Kreuz und queer
Looking for love: Der Kulturpalast in Sofia ermöglicht Begegnungen über Klassengrenzen hinweg

Foto: Dagmar Schwelle/Laif

Der Romancier John Updike, der dafür berühmt war, das hypermoralische Amerika in seinen Abgründen zu zeigen, nahm noch 1999 kein Blatt vor den Mund in Bezug auf seine Vorurteile gegenüber schwuler Literatur, wobei man sich gleich für die dumme Kategorie schwule Literatur entschuldigen muss. Literatur selbst kann freilich nicht „schwul“ sein, aber Garth Greenwell sieht sich als Gay Writer und insistiert auf eine queere literarische Tradition: Marcel Proust, Thomas Mann, Virginia Woolf, Thomas Bernhard. Es sind seine Ikonen, nur ihretwegen konnte er zum Schriftsteller werden.

Updike also zeigte als Kritiker seine homophobe Seite, und man fragt sich, ob Libertinage in seiner Generation, in seinen Kreisen, eben nicht alles und jeden meinte. An seine Einlassungen erinnerte die New York Times in ihrer Besprechung von Was zu dir gehört, dem in den USA gefeierten Debüt des Autors Garth Greenwell, das dieser Tage in deutscher Übersetzung bei Hanser scheint. Updike hatte geschrieben, dass Gay Fiction straighten Lesern nichts sagen könne. Sie sei reine Selbstbefriedigung. Es gehe nie um die großen Fragen, sondern immer nur um Sex. Ausgerechnet! Sein Roman Ehepaare löste seinerzeit einen Skandal aus. Das Buch sei „überwältigend sexuell, es durchläuft die ganze Skala vom Haarestreicheln bis zum Zehenlutschen“, schrieb ein Kritiker.

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Oder Christopher Isherwood. Warum ist der britische Schriftsteller (1904 – 1986) zwar die Ikone im schwulen Literaturkanon, aber nur sehr viel weniger deutschen Lesern bekannt? Bekannt vor allem für seine Berlin-Romane, die in den 1930er Jahren spielen – Isherwood lebte zur Untermiete im Stadtteil Schöneberg –, aus denen das nun freilich weltbekannte Musical Cabaret entstand, dessen bekannteste Figur allerdings die Tänzerin Liza Minnelli, Pardon, Sally Bowles ist und nicht der schwule angehende Schriftsteller Brian.

Aber das beweist natürlich noch nicht, dass das Publikum bewusst um sogenannte queere Literatur einen Bogen macht. Isherwood steht sicher auf vielen Read-Before-You-Die-Listen – wie bestimmt auch John Updike. Und wem Isherwood immer noch nichts sagt: Der grandiose Kinofilm A Single Man (2009) basiert auf seinem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1964. Es ist die Geschichte eines Uni-Professors, der seinen langjährigen Partner durch einen Autounfall verliert und danach seine unfassbare Trauer verarbeitet. The Atlantic soll den Helden seinerzeit als „Gefangenen seines perversen physischen Appetits“ beschrieben haben. „I love Isherwood!“, schreibt mir Greenwell in einer Mail.

Nun gibt es aber eben immer noch Leser, die denken, was geht mich schwule Literatur an. Die Frage ist: Muss man einen solchen Leser, eine solche Leserin in Zeiten fluiden Begehrens für reaktionär halten? Lesbenpornos okay, denkt einer oder eine vielleicht, aber was ist mit einer Szene wie jener in Greenwells Roman, in der sich Mitko auf einer Restauranttoilette mit seinem erigierten Penis dicht hinter seinen Ex-Lover stellt, ihn auf den Hals küsst. Nun, sagen wir es ist eine von den vielen berührenden und (wenig aseptischen Szenen) in diesem Roman.

Dass der Hanser Verlag bei seinem traditionellen Neujahrsempfang Was zu dir gehört als sein Highlight präsentiert, mag der Qualität des Romans geschuldet sein. Aber natürlich liest man es auch als Statement zum Macht- und Sexkomplex in Zeiten von #metoo und Trump. Es ist auch ein Bekenntnis zum Ostküstengeist, der in der Folge des Trumpismus sogar schon von links als blasenartig diskreditiert wird. Greenwell sagt, dass die großen Zeitungen in den USA zum Erfolg seines Buchs beigetragen hätten. Kann man daraus wiederum eine Art von amerikanischer Selbstvergewisserung lesen? Vielleicht. Übersetzt hat Was zu dir gehört der Schriftsteller Daniel Schreiber. Er führt an diesem Abend das Gespräch mit dem Autor. Wie Greenwell denn nur diese unverschämt guten Sexszenen schreiben konnte, fragt er. „Schreiben ist der konstante Versuch, der Wirklichkeit nahezukommen. Egal, ob es um Sex geht oder um ein Abendessen. Man versagt als Schriftsteller, wenn man Begegnungen nicht als Akte der Kommunikation darstellen kann. Sex ist Kommunikation.“ Später schreibt Greenwell mir aus Louisville, Kentucky, wo er heute lebt, dass er die Metapher der Konversation besonders mag. Sie bezeichne die Möglichkeit, in verschiedenen „Gesprächen“ zu sein (wir würden vielleicht „Diskurse“ sagen). Man könne also ein Gay Writer sein und gleichzeitig mit modernistischen Autoren „Konversation betreiben“, mit Schriftstellern aus dem Süden Amerikas oder mit solchen, die schreibend einen Vater-Sohn-Konflikt bewältigten. „Ich denke, sich auf eine queere Tradition zu beziehen, limitiert mich als Schriftsteller in keiner Weise.“

Wie das geht, zeigt der Roman. Sally Bowles ist heute keine Tänzerin mehr, sondern ein Stricher. Diesen Mitko lernt der namenlose Erzähler, der als Lehrer an einem amerikanischen College in Sofia arbeitet, kennen. Er verliebt sich, da ist eine Verbindung, die natürlich nur in diesem Zweierkosmos funktioniert, denn es geht schon auch um einen Klassengegensatz, auch wenn beide nur banale Objekte der Begierde zu trennen scheinen; das Laptop, das Mitko einmal penibel säubert. Oder: ein neues Handy, als Gegenleistung bekommt der Erzähler Sex und Nähe.

Greenwells hypotaktischer Stil – die Sätze sind dann manchmal lang wie bei Bernhard – mäandert melancholisch. Da ist die abweisende Architektur, die Einsamkeit des Amerikaners, der diesen Ort der Geworfenheit als sein Schicksal begreift oder: als einen Akt der Selbstbestimmtheit. Da ist im Bus ein Gestank nach nasser Wolle, Zigaretten und Bier, mitten im Winter eine Fliege an der Fensterscheibe. Im Krankenhaus die Ärztin ohne Empathie, als würde sie alte Dekrete verlesen statt der Diagnose Syphilis, Mitkos Liebhaber hat sich angesteckt. Dann stirbt der Vater und der Erzähler katapultiert sich zurück in seine Jugend, er erinnert sein erstes Verliebtsein, sein Coming-out, die Verachtung des Vaters.

Vieles an dem Roman scheint autobiografische Züge zu tragen. In Berlin erzählt Greenwell vom Bruch mit seinem Vater nach seinem Coming-out. Er arbeitete tatsächlich als Lehrer in Sofia, geschmissen hat er eine Ausbildung als Opernsänger und ein Doktorprogramm an der Harvard University (an der auch Updike graduierte). Er absolvierte stattdessen seinen zweiten Master in Fine Arts am Iowa Writers Workshop und sagt, seit er dort akzeptiert wurde, habe er ein Glück erfahren, auf das ihn nichts in seinem Leben vorbereitet habe.

Greenwell gelingt es, seine Geschichte auf eine betörende Weise zu erzählen, der gekaufte Sex beim Cruising ist nur schmutzig, weil die Unterhose dreckig ist. Darin die Poesie zu finden, ist eine Gabe. Wie geht das? Garthwell sagt: „Ich lehne die Idee ab, dass Cruising nur ein Ort der Verzweiflung ist, was ja auch die konventionelle Ehe oft ist.“ Die erste Cruising-Szene habe er in Kentucky kennengelernt. Der Ort (ein Park) wurde ihm zu einer Quelle nicht nur der Scham, sondern auch der Freude. Cruising als Praktik erlaube eine Art Face-to-Face-Kommunikation zwischen menschlichen Wesen innerhalb der ganzen ethischen und emotionalen Skala. Es gebe Wärme. Einzigartig seien diese intimen Begegnungen, entlang und doch unabhängig von Rasse oder Klasse, welche unserem Leben sonst ein Korsett geben.

Eine Liebe in Sofia

Ein Stück gelungenes Leben also – dort wo es der puritanische Geist von gestern und der von heute, aber vielleicht auch eine Catherine Deneuve, niemals verorten würde. Nur: Was geht daraus hervor? Sollen wir alle queer werden? Fragt man etwas unbeholfen, weil man noch nicht gerüstet ist für diese Art „Konversation“. Man fragt auch aus Sorge, dass ein neuer puritanischer Ton (in der guten Absicht, strukturellen Sexismus und Missbrauch zu bekämpfen) die Aufgabe noch nicht so lange erkämpfter Freiheiten bedeuten könnte.

Wie denkt eigentlich Greenwell darüber? Machtmissbrauch, sagt er, finde überall statt, auch in der Gay Community. „Aber die Toilette des Kulturpalasts in Sofia, wo mein Roman beginnt, ist vielleicht der einzige Ort, an dem so jemand wie mein Erzähler so jemanden wie Mitko treffen könnte. Orte, an denen so etwas möglich ist, haben für mich einen ungeheuren Wert.“ Beim Gespräch, denkt man, kommt es immer auf den Gesprächspartner an.

Was zu dir gehört Garth Greenwell Daniel Schreiber (Übers.), Hanser Verlag 2017, 256 S., 22 €

06:00 29.01.2018
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