Wo Liebe nicht erlaubt war

Gedenken an die Shoa Das Handeln der jungen Mala Zimetbaum steht exemplarisch für das vieler Menschen, deren unerschütterlicher Mut und Widerstand oft aus dem Blick der Öffentlichkeit geraten
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Wo Liebe nicht erlaubt war
Mala Zimetbaum

Foto: Wikimedia (public domain)

Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau durch Truppen der Roten Armee befreit. Heute gilt der 27. Januar als Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer der Shoa und wird vielerorts mit Gedenkveranstaltungen begangen.

Doch wie es in der Natur von Gedenkveranstaltungen liegt, bergen diese die Gefahr in sich, die betroffenen Menschen in einer reinen Opferrolle darzustellen. Deshalb lohnt es sich, anlässlich dieses Tages den Blick exemplarisch auf eine Frau zu richten, die nicht nur Opfer sein wollte. Die sich den Nazis nicht unterwarf, die die Würde der Menschen verteidigte und liebte, wo Liebe nicht erlaubt war: Mala Zimetbaum leistete auf vielfache Weise Widerstand und steht damit nur beispielhaft für viele Frauen und Männer, deren heldenhafte Taten oft aus dem Blick der Öffentlichkeit geraten, weil sie den simplen Opfer-Täter-Dualismus Lügen strafen und eine differenziertere Betrachtung herausfordern. Am gestrigen 26. Januar vor genau 100 Jahren wurde Mala Zimetbaum als Kind jüdischer Eltern im polnischen Brzesko geboren. Ihres diesjährigen 100. Geburtstages wurde nicht öffentlich gedacht. Dabei hat sie das Menschsein und die Liebe verteidigt. In Auschwitz. In der Hölle.

Widerstand und Liebe, wo Liebe nicht erlaubt war

Mala wuchs als jüngstes unter fünf Geschwistern auf und ging aufgrund der Erblindung ihres Vaters schon während ihres Studiums in Antwerpen, wohin ihre Familie in den zwanziger Jahren umgezogen war, arbeiten. Zuerst in der Modebranche, dann als Übersetzerin bei einem Juwelier. Am 22. Juli 1942 wurde Mala bei einer Razzia am Zentralbahnhof in Brüssel, wo die Familie nach der Okkupation Belgiens durch das Deutsche Reich einen vermeintlich sicheren Zufluchtsort gefunden hatte, verhaftet. In der Nähe von Antwerpen wurde sie interniert um anschließend nach Auschwitz deportiert zu werden. Vor der Deportation wurde Mala allerdings zur Arbeit bei der Registrierung der eintreffenden Jüdinnen und Juden eingeteilt. Hier nutzte sie alle Möglichkeiten, um die Befehle der Deutschen zu unterlaufen und fand dabei Wege, Nachrichten nach außen zu schmuggeln. Mala Zimetbaum schaffte es außerdem, Kinder vor dem Abtransport ins Vernichtungslager zu bewahren, indem sie sie von den Deportationslisten strich. Noch vor ihrem eigenen Abtransport begann sie ihre Flucht zu planen, um mit ihrem Verlobten in die noch freien Zonen Frankreichs zu gelangen. Doch kurz bevor sie ihren Plan umsetzten konnte, landete sie selbst auf der Liste und wurde am 15. September 1942 nach Auschwitz deportiert.

Auch im Vernichtungslager übte sie vielfachen Widerstand. Sie war einem Arbeitskommando zugeteilt und wurde zu einer Läuferin zwischen den einzelnen Blöcken und Arbeitsstellen, weil sie viele Sprachen beherrschte. Dabei lernte sie viele Menschen, aber auch das Lager selbst sowie seine Hierarchien und Funktionsweisen kennen. Mala organisierte Essen und anständige Kleidung für andere Inhaftierte. Sie trieb Medikamente auf oder sorgte dafür, dass Schwache leichtere Arbeit zugeteilt bekamen. Bei jeder Gelegenheit gab sie von außen Informationen über die Weltlage weiter und versuchte, etwas über Verwandte von Insassen in anderen Lagerblöcken zu erfahren und einen Austausch zwischen ihnen herzustellen. Außerdem setzte sie Tote auf Selektionslisten, um so noch Lebende zu retten. Da sie offenbar zudem gute Innensichten ins Krankenrevier hatte, wusste sie oft, wann Selektionen bevorstanden und konnte Kranke warnen, damit sie sich gesundmelden konnten. Denn Selektion bedeutete Vernichtung in der Gaskammer.

Im Frühsommer 1943 begann Mala Zimetbaum mit dem polnischen Katholiken Edward Galinski, in den sie sich einige Zeit zuvor verliebt hatte, die Flucht aus dem Vernichtungslager zu planen. Verkleidet als SS-Wachmann und KZ-Arbeiterin und mit einem mit Hilfe anderer aus dem Verwaltungstrakt geschmuggelten Passierschein gelingt den beiden am 24. Juni 1944 unter dem Vorwand eines Auftrags außerhalb des Lagers die Flucht. Damit ist Mala Zimetbaum die erste Jüdin, der die Flucht aus Auschwitz gelingt. Wie die meisten der rund 900 Menschen, die aus dem Lager geflohen sind, werden die beiden kurz darauf wieder ergriffen. Nach 13 Tage in Freiheit werden sie verhört und gefoltert, weil die SS die Namen der Mitwissenden erfahren will. Mala Zimetbaum und Edward Galinski verraten niemanden.

Für den 15. September 1944 ist die Hinrichtung der geflohenen geplant. Nachdem Edward Galinski im Lager verstirbt, soll Malas Hinrichtung als Exempel inszeniert werden. Anlässlich ihrer Exekution war für das gesamte Frauenlager ein Generalappell befohlen worden. Doch während sie auf der Lagerstraße von einem SS-Mann bewacht auf ihren Abtransport wartete, schnitt sie sich mit einer heimlich beschafften Rasierklinge die Pulsadern auf. Durch diesen Akt des selbstbewussten Widerstandes wollte sie der Hinrichtung entgehen. Als der SS-Wachmann versucht ihr die Klingen zu entreißen, schlug sie mit ihren blutenden Händen auf ihn ein und rief: "Ich werde als Heldin sterben, du verreckst wie ein Hund!" Durch die Anwesenheit der Vielzahl anderer Internierter ist diese Szene vielfach bezeugt.

Rasend vor Wut schlagen und treten die SS-Wachen auf sie ein und misshandeln sie schwerst, bevor sie sie auf einem Handkarren laden und davonschieben. Es erging der Befehl, sie lebendig im Krematorium zu verbrennen: "Dieses Vieh kommt lebend in den Kamin" soll Maria Mandl, die Oberaufseherin des Frauenlagers von Auschwitz-Birkenau gebrüllt haben. Ob sie noch lebte, als sie ins Krematorium geworfen wurde, oder doch schon tot war, ist heute nicht klar. Fest steht allerdings, dass sie mit ihrem heldenhaften Mut und ihrer Entschlossenheit, auch in der größten Not und unter den schwersten Bedingungen Widerstand und Hilfe zu leisten, nur exemplarisch für eine Vielzahl von Menschen steht, die sich nicht als Opfer verhalten haben und auf unterschiedlichste Weise einen Umgang mit der ausweglosen Situation fanden, der weit über die Passivität dessen hinaus geht, was einer Opfer-Rolle für gewöhnlich zugeschrieben wird.

Und so sollte nicht nur allen Jüdinnen und Juden gedacht werden, die unter dem staatlich propagierten Antisemitismus und der entsprechend rassistischen Gesetzgebung des deutschen Reiches gelitten haben und deren Leben im unvergleichbaren Menschheitsverbrechen der Shoa ausgelöscht wurden, sondern auch dem Mut, mit dem diese Menschen auf unterschiedlichste Weise und allem Übel zum trotz ihr Überleben meisterten und damit tagtäglich und auf unterschiedlichste Art und Weise Widerstand leisteten.

Diesem Mut und Widerstand zu gedenken kann Nachgeborenen Orientierung bieten. Mala Zimetbaum kann hierbei als ein Orientierungsbeispiel dienen, auch wenn ihr Name heute kaum bekannt ist.

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Links:

Yad Vashem - Mala Zimetbaum

http://www.yadvashem.org/odot_pdf/Microsoft%20Word%20-%206396.pdf

Jewish Women's Archive - Mala Zimetbaum

https://jwa.org/encyclopedia/article/zimetbaum-mala

Jewish Virtual Library - Mala Zimetbaum

https://www.jewishvirtuallibrary.org/mala-zimetbaum

Life in the shadows - Mala Zimetbaum

http://lifeintheshadows.wtonline.org/mala-zimetbaum.html

ideajournal.com - Mala - A Fragment of a Life

http://www.ideajournal.com/articles.php?id=16

ideajournal.com - Mala's Last Words

http://www.ideajournal.com/articles.php?id=15

n-tv.de - Eine Liebe im Schatten des Todes

https://www.n-tv.de/panorama/Flucht-aus-Auschwitz-als-Comic-article437394.html

taz.de - Die Heldin von Auschwitz

http://www.taz.de/!5477369/

Spiegel.de - „Niemand kommt hier raus“

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40350411.html

14:43 27.01.2018
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Geschrieben von

Max Jansen

Max Jansen hat Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften in Köln, Budapest und Beer Sheva studiert. Derzeit lebt er in Frankfurt.
Max Jansen

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