Weiß gegen Rot – Bürgerkrieg in Finnland

Geschichte Vor 100 Jahren brach in Finnland ein blutiger Bürgerkrieg aus, der die junge Nation lange Zeit gespalten hat
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Weiß gegen Rot – Bürgerkrieg in Finnland
Eine Gruppe der Weißen Garden im April 1918 nach der Eroberung von Tampere

Foto:  Museokeskus Vapriikki/Flickr  (CC BY 2.0)

Wird über Finnland berichtet, geht es oft um Bildung, Nokia oder Weltmeisterschaften in kuriosen Sportarten wie Handyweitwurf oder Ehefrauen-Wetttragen. Ende letzten Jahres, zum 100-jährigen Jubiläum seiner Unabhängigkeit, bekam das kleine Land im Norden Europas etwas mehr Aufmerksamkeit. Nun jährt sich – ebenfalls zum einhundertsten Mal – der Ausbruch des finnischen Bürgerkriegs. Außerhalb Finnlands ist diese traurige Geschichte weitgehend unbekannt. Doch sie ist eng mit der Geschichte Europas und vor allem der Geschichte Deutschlands verbunden.

Am 06.12.1917 erklärte Finnland, bis dahin als Großherzogtum Teil des zaristischen Russlands, seine Unabhängigkeit. Zuvor hatte es bereits mehr und mehr an institutioneller und kultureller Autonomie und nationalem Selbstbewusstsein gewonnen. Angesichts der revolutionären Unruhen in Russland nutze man die Gunst der Stunde, um sich endgültig selbständig zu machen.

Aber bereits im Vorfeld der Unabhängigkeitserklärung kam es zu großen innenpolitischen Konflikten. Finnland war gesellschaftlich und politisch gespalten. Auf der einen Seite standen eine starke Arbeiterbewegung, Bauern sowie Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten, die ihre Zentren im industriell geprägten Süden des Landes hatten – auf der anderen die bürgerlich-konservativen Kreise, die den Senat in Helsinki kontrollierten und neben den Beamten und dem Mittelstand hauptsächlich aus dem ländlichen Raum im Nordwesten stammende Grundbesitzer waren. Viele von ihnen, beuteten die Bauern, die auf Ihrem Land arbeiteten, zunehmend aus.

Als der Senat Schutzkorps einsetzte, um die noch auf finnischen Boden befindlichen russischen Truppen zu entwaffnen, verstanden die Arbeiter und Sozialdemokraten dies vor allem als ein gegen die Arbeiterbewegung gerichtetes militärisches Instrument und bildeten mit den „Roten Garden“ eigene Streitkräfte. Einen kleinen Teil ihrer Waffen bekamen sie aus Russland.

Am 18. Januar rief die Arbeiterbewegung in Helsinki eine sozialdemokratisch geführte Revolutionsregierung – quasi eine Gegenregierung – aus, die sozialistische Reformen anstrebte. Wenige Tage später forderte der Senat den sofortigen Abzug aller verbliebenen russischen Truppen und erklärte gleichzeitig die Schutzkorps zu den legitimen Streitkräften Finnlands. Daraufhin brach in der Nacht vom 27. auf den 28. Januar der offene Bürgerkrieg aus. Auf Seiten der „Roten Garden“ kämpften ca. 100.000 Soldaten; die „Weißen“ verfügten über ca. 70.000 Soldaten.

Zunächst waren die „Roten Garden“ im Vorteil. Sie kontrollierten die strategisch und industriell bedeutsamen Zentren und konnten auch Helsinki schnell erobern. Die „Weißen“ flohen in ihre Hochburg Vaasa an der Westküste in der Region Österbotten.

Doch schon bald begann das Blatt sich zu wenden. Angeführt von General Gustav von Mannerheim, der im Zweiten Weltkrieg zum Nationalhelden werden sollte, drängten die „Weißen“ die „Roten“ immer weiter zurück. Das lag auch daran, dass auf weißer Seite ein im Deutschen Reich ausgebildetes Jäger-Regiment kämpfte, das noch heute besungen wird. Außerdem griffen sogar deutsche Truppen selbst ein: Im April 1918 landeten etwa 10.000 deutsche Soldaten der Ostseedivision in Finnland, um an der Seite der „Weißen“ zu kämpfen, obwohl Mannerheim selbst dies ablehnte. Umso aggressiver rückte er nun auf die Arbeiterhochburg Tampere vor, um den Krieg noch vor dem direkten Eingreifen der deutschen Truppen aus eigener Kraft zu entscheiden.

Die Eroberung Tamperes verlief brutal und blutig; die „Weißen“ zeigten keine Gnade. Damit war der Krieg entschieden. Doch das größte Blutvergießen sollte jetzt erst beginnen. Während der eigentlichen Kampfhandlungen waren ca. 7.000 Menschen getötet worden. Doch nun wurden – im Rahmen des „weißen Terrors“ etwa 8.000 Anhänger der „Roten“ bei willkürlichen Massenerschießungen getötet; weitere 10.000 starben in den Gefangenlagern der „Weißen“, die den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten sehr ähnlich waren. Auch auf der Gegenseite kam es zu Vergeltungsmaßnahmen, die jedoch lediglich ca. 1.600 Menschenleben kosteten.

Nach Ende des Bürgerkriegs wollten die siegreichen „Weißen“ eigentlich Prinz Friedrich Karl von Hessen zum König. Aus Angst vor dem politischen Einfluss der linken Kreise, lehnten sie die Idee einer demokratischen Republik ab. Außerdem sollten gute Verbindung nach Deutschland geschaffen werden – quasi als Schutz vor dem kommunistischen Russland. Noch bis zum Herbst 1918 wurde dieser Plan verfolgt und erst nach der Niederlage des Deutschen Reichs verworfen. Dann wurde Finnland zu einer Republik, jedoch mit einem mächtigen Präsident.

Das Land war nun jedoch tief gespalten. Im Verhältnis zur vergleichsweise geringen Einwohnerzahl des Landes war die Zahl der Bürgerkriegstoten dramatisch hoch. Die Brutalität und Kaltblütigkeit in den Tagen und Wochen nach Ende des Bürgerkrieges tat ihr Übriges. Man kannte sich, war nun wieder Mitbürger und Nachbar – und sollte zur Normalität übergehen.

Dass die finnische Gesellschaft damals trotzdem nicht auseinander brach, lag an einem anderen Krieg. Im Zweiten Weltkrieg sah sich Finnland durch den Einmarsch Stalins in Karelien in seiner Existenz bedroht. Doch das militärisch weit unterlegene Finnland kämpfte aufopferungsvoll und konnte den Verlust seiner Autonomie an die Sowjets verhindern. Dieser Mythos des Winterkrieges setzte einen Gegenpol zur Geschichte des Bürgerkrieges und überdeckte die Risse innerhalb der Nation wenigstens zum Teil.

Durch das Eingreifen seiner Truppen hatte das Deutsche Reich einen nicht unerheblichen Anteil an der Niederlage der Roten und der Brutalität, mit der die Schlacht um Tampere geführt wurde. Noch einmal sollten deutsche Truppen finnischen Boden betreten – im sogenannten „Fortsetzungskrieg“ in Waffenbruderschaft mit den Finnen gegen die Rote Armee, als Finnland die im „Winterkrieg“ verlorenen Gebiete wieder zurückerobern wollte. Dieser Feldzug verlief erfolglos und Finnland schloss einen Friedensvertrag mit Stalin. Die Reaktion der Deutschen Truppen, die nun aus Finnland vertrieben werden sollten, war brutal. Auf ihrem Rückzug brannten sie große Teile Lapplands, darunter die Hauptstadt Rovaniemi, nieder. Wenn man als Deutscher nach Finnland kommt, wird man garantiert irgendwie auf diese Ereignisse angesprochen werden – jedoch inzwischen ohne böse, nachtragende Hintergedanken.

Noch heute wissen viele Finnen, auf welcher Seite des Krieges die eigene Familie stand und welche Personen aus ihrem Familien- oder Bekanntenkreis auf der Gegenseite zu den Waffen gegriffen hat. Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage des finnischen Fernsehsenders Yle (https://yle.fi/uutiset/osasto/news/civil_war_still_divides_finland_after_100_years_poll_suggests/10025538) zeigt auf, wie stark auch noch heute der Bürgerkrieg in den Köpfen verankert ist und dass er Potential zur Spaltung hat. 68% Prozent sind der Meinung, dass die Auswirkungen des Bürgerkrieges noch heute in der Gesellschaft zu spüren sind.

Ein gutes Beispiel dafür ist auch, dass die linken Parteien in Finnland heute noch mit den „Roten“ sympathisieren, die Konservation aber mit den „Weißen“. Bis heute wird in den finnischen Universitäten und Medien darüber debattiert, wer an dieser nationalen Katastrophe schuld war und ob ein Erfolg der „Roten“ aus Finnland einen kommunistischen Staat gemacht hätte.

Bereits die Bezeichnung des Krieges war und ist umstritten. Die „Weißen“ wollten, dass das Wort „Bürgerkrieg“ vermieden wird und sprachen stattdessen von einem „Befreiungskrieg“. Sie sahen in den „Roten“ den verlängerten Arm Moskaus, der das Land wieder in die Abhängigkeit des großen Nachbarn führen wollte – nur unter anderen politischen Vorzeichen.

Die Geschichte des finnischen Bürgerkriegs ist Teil einer Phase der Gewalt, die sich in vielen Teilen Europas an den Ersten Weltkrieg anschloss (man denke nur an die Januar-Unruhen in Berlin). Diese Nachwehen der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs, die quasi den Auftakt zum kurzen 20. Jahrhundert bildeten, schildert der Historiker Robert Gerwarth in seinem 2017 erschienenen Buch „Die Besiegten“. Finnland, das Land am Rande Europas, ist durch die blutige Geschichte des Bürgerkrieges, Teil dieser Geschichte Europas geworden.

Literaturhinweis: Bohn, Ingrid: Finnland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Regensburg 2005.

17:32 26.01.2018
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Geschrieben von

Martin Mainka

Jahrgang 1990, Politikwissenschaftler und Historiker
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